Einführung
   
     
   
 
In allen Regionen der Welt, in Nord-, Mittel- und Südamerika, in Afrika und Asien, in Europa und auch in Ozeanien, gibt es oder gab es einzelne Gesellschaften, in denen alternativ zu Männern und Frauen weitere geschlechtlich konnotierte Kategorien, Rollen oder Identitäten existieren oder existierten. Diese werden in der Ethnologie unter anderem als Dritte Geschlechter (third sex/third gender), als Dritte und Vierte Geschlechter (third and fourth genders), als Geschlechtervielfalt (gender diversity) oder auch als alternative, multiple oder Zwischengeschlechter (liminal gender categories) diskutiert. In den Gesellschaften selbst gibt es für diese Kategorien, Rollen und/oder Identitäten eigene Bezeichnungen, denen in vielen Fällen kulturelle Konzepte zu Grunde liegen, die sich sowohl von der in westlichen Gesellschaften gemachten exklusiven Trennung in Mann und Frau, als auch der Trennung in soziales (gender) und biologisches (sex) Geschlecht, unterscheiden.

Diese Bezeichnungen lauteten im indigenen Nordamerika während der Ankunft und Eroberung der Europäer_innen1, beispielsweise
nadleehí bei den Navaho (Diné), winkte bei den Lakota, boté bei den Crow, he‘eman und hetaneman bei den Cheyenne, hwame und alyha bei den Mohave sowie lhamana und katsotse bei den Zuni, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Von den geschätzten 400 indigenen Gesellschaften, die es zur Ankunft der europäischen Eroberer_innen gab, sind in 150 Gesellschaften Rollen, Identitäten und/oder Kategorien belegt, die heute mit dem pan-indigenen Oberbegriff Two Spirit bezeichnet werden, der die diskriminierende Fremdbezeichnung „Berdache” ersetzt.

Die nordamerikanische Geschlechtervielfalt wurde jedoch nach der Unterwerfung der indigenen Kulturen Nordamerikas im Verlauf der Kolonialisierung aufgrund der christlichen Missionierung und der Einführung des westlichen Schulsystems und anderer westlicher Werte sukzessive ausgelöscht. Heutzutage sind diese Traditionen nur noch in wenigen Reservationen Nordamerikas erhalten.

Wenngleich die Two Spirit der indigenen Gesellschaften Nordamerikas die bekanntesten und vielfältigsten ethnographischen Beispiele darstellen, so sind sie bei weitem nicht die einzigen. In einigen zapotekischen Städten des mexikanischen Bundesstaates Oaxacas lauten die indigenen Eigenbezeichnungen
muxé, biza‘ah und marimacha. In der Dominikanischen Republik lauten sie guevedoce (auch: guevedoche oder guevote) oder machihembra. Ethnographische Berichte und historische Quellen belegen die Existenz von alternativen Geschlechtern auch für einige Gesellschaften in Südamerika, sowohl zur Zeit der Inkas, als auch in späterer und heutiger Zeit.
Bei den Pokot im ostafrikanischen Kenia lautet eine solche Eigenbezeichnung
serrer, in der westafrikanischen Elfenbeinküste woubi. Darüber hinaus ist in Afrika in bis zu 40 Ethnien die Gynaegamie oder Frauenhochzeit bekannt, eine sozial anerkannte und legale Zweckgemeinschaft zwischen zwei oder mehreren Frauen, in der die ältere Frau die Rolle des Mannes übernimmt und sozial als Mann anerkannt wird. Auch im arabischen Raum finden sich alternative Geschlechter. In Oman, auf der arabischen Halbinsel, beispielsweise lautet eine solche indigene Bezeichnung xanith.

Als „dritte Geschlechter“ oder „alternative Geschlechter“ bezeichnete Kategorien finden sich auch in vielen Ländern Asiens. Die bekannteste unter diesen ist die der
hijras in Indien und Pakistan. Eine weitere, weniger bekannte Eigenbezeichnung in Indien ist die der kothi. Bekannter hingegen sind die kathoey in Thailand, die mittlerweile in den Städten Thailands innerhalb neuer Subkulturen eine Neuklassifizierung in ladyboys und tomboys (kurz: toms) erfahren haben. Bei uns hingegen weniger bekannt sind die tombois und waria in den Philippinen, die bantut und billieboys in Indonesien oder die mak nyahs und pak nyahs in Malaysia.

Auch in Melanesien existieren „dritte“ oder „alternative“ Kategorien. So gibt es beispielsweise bei den Sambia im Hochland von Papua-Neuguinea die Kategorie
kwolu-atmwool (auch: turniman) und bei den Bimin-Kuskusmin im Tiefland Papua-Neuguineas die Kategorie yomnok‘min aiyem.

In der Inselwelt der Südsee, in Polynesien, existieren in zahlreichen Gesellschaften Kategorien, Rollen und/oder Identitäten, denen eine ganz eigene Konstruktion von Geschlecht zu Grunde liegt, wie beispielsweise die der Kategorie
fa‘affafine in Samoa. Weitere polynesische Eigenbezeichnungen lauten fa‘atuma in Samoa, fakatangata und fakeleiti in Tonga, mahu in Tahiti und Hawaii oder pinapinanine in Tuvalu.

Auch in Europa gab es und gibt es andere Konstruktionen von Geschlecht, als die heute allgegenwärtige Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit, beispielsweise die der
muskobanja im Balkan.

Ich habe in dieser Aufzählung, die nur eine Auswahl darstellt und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, bewusst darauf verzichtet die Eigennamen zu übersetzen oder zu erklären. Stattdessen sollen diese Eigenbezeichnungen zunächst für sich stehen. Die farbig markierten Eigenbezeichnungen (z.B.
Two Spirit, nadleehí, muxé etc.) sind verlinkt (oder werden im Laufe der Ausstellung verlinkt) und führen zu weitergehenden Erklärungen und Umschreibungen sowie zu kommentierten Listen wissenschaftlicher Literatur und zu links im Internet, die auf weitere wissenschaftliche Texte oder Homepages indigener Organisationen verweisen. (Die Literatur- und Link-Listen werden bald auch direkt über verschiedene Buttons am linken Rand dieser Seite einsehbar sein.)


Weiterführende Literatur
(eine umfassende Literaturliste wird bald zur Verfügung stehen, derzeit sind einzelne Quellen jeweils am Ende der schon bestehenden Seiten zu finden.)








 
   
   
     
  Fußnote:
1) Die durch obige Form der Markierung (“_”) entstehenden “Lücken” in den Bezeichnungen für Personen-gruppen sollen eine Sichtbarkeit all jener Menschen schaffen, die durch eine von Geburt an erfolgende, permanente Einordnung in die beiden ausschliesslichen Kategorien “männlich” und “weiblich” unsichtbar gemacht werden ( vgl. z. B. auch s_he: performing the gap. Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung, in: arranca!, Ausgabe 28, November 2003 (http://arranca.nadir.org/artikel.php3?nr=28&id=245).