Hinweis
   
     
   
 
Es bietet sich an, die hier präsentierten ethnologischen Texte sehr kritisch zu lesen, da nicht nur in Quellen aus der Kolonialzeit, die im Zuge einer Eroberung fremder Kulturen geschrieben wurden, sowie in älteren Quellen der postkolonialen Zeit, sondern auch in vielen aktuellen Studien zu diesen Kulturen ein Eurozentrismus erkennbar ist.
Dieser Eurozentrismus äußert sich einerseits in der Übernahme einer westlichen Terminologie, die aus einem medizinisch-psychologischen Kontext stammt und pathologisierend ist (z.B. indigener Transvestitismus, Transsexualität, Pseudo-Hermaphroditismus etc.) und andererseits in einer dichotomie-zentristischen Betrachtung, d.h. einer Betrachtung kulturell verschiedener Konstruktionen von Geschlecht mit Hilfe des westlichen Konzeptes der Zweigeschlechterordnung. Dabei wird die westliche Sichtweise den indigenen Begriffen und Konzepten “übergestülpt” und diese dadurch verfremdet.
In den Texten über die indigenen Gesellschaften Nordamerikas ist dies beispielsweise bei der Trennung in „männliche” und „weibliche” Two Spirit bei den nadleehí der Navaho (Diné) oder bei den hwame und alyha der Mohave der Fall. Häufig wird zudem statt des neuen pan-indigenen Oberbegriffs Two Spirit der diskriminierende Begriff „Berdache” verwendet. „Berdache” kommt aus dem Persischen und bezeichnet „passive Homosexuelle” und „männliche Prostituierte”. Dieser Begriff, der einem kolonialen Diskurs der Unterdrückung entstammt, wird daher von den Protagonist_innen der indigenen Two Spirit-Bewegung zu Recht abgelehnt. Auch die in einigen Texten gemachte Trennung in „männliche” und „weibliche” kathoey in Thailand, die kulturell als phet thi-sam (ein drittes Geschlecht) eingeordnet werden, folgt dieser eurozentrischen Logik. Die Bezeichnung der fa‘affafine in Samoa als „männliche Transvestiten”, der xanith in Oman als “Transsexuelle” oder der kwolu-aatmwol oder yomnok‘min aiyem in Papua Neuguinea sowie der guevedoche in der Dominikanischen Republik als „männliche Pseudo-Hermaphroditen” ist überaus problematisch, da diese Begriffe einem westlichen, medizinisch-psychologischen Kontext entstammen und mit ihnen eine Pathologisierung all jener Menschen einhergeht, die nicht in das Prokruskes-Bett einer als naturgegeben proklamierten Zweigeschlechterordnung passen. Gleichzeitig wird in vielen Texten die in unserer Kultur gemachte Trennung in ein soziales Geschlecht (gender) und ein biologisches Geschlecht (sex) auf Kulturen und ihre geschlechtlichen Kategorien übertragen, die eine solche Trennung nicht machen und Geschlecht auf andere Weise konstruieren.

Diese eurozentrische Perspektive steht einer Annäherung an das Verständnis solcher Kulturen und ihrer geschlechtlichen Kategorien im Wege und sollte daher kritisch betrachtet werden.