Das Zwei-Geschlechter-System als Menschenrechtsverletzung

Ein Ausstellungs- und Archivprojekt der NGBK Berlin (18. Juni - 31 Juli 2005) Oranienstraße 25, 10999 Berlin-Kreuzberg

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Wie selbstverständlich ist es, die Menschen in zwei Geschlechter einzuteilen, nicht mehr und nicht weniger? Dürfen grundlegende Menschenrechte verletzt werden, um die zweigeschlechtliche Grenzziehung aufrecht zu erhalten?
Das NGBK-Archiv- und Ausstellungsprojekt 1-0-1 [one 'o one] intersex (18.Juni-31.Juli 2005) entfaltet einen öffentlichen Polylog über den gesellschaftlichen Umgang mit Intersexuellen (Zwittern/Hermaphroditen), deren Körper als geschlechtlich "uneindeutig" gelten. Immer noch werden Kleinkinder an zweigeschlechtliche Normvorstellungen chirurgisch angepasst und Intersexualitätsdiagnosen selbst im Erwachsenenalter verschwiegen. Die medizinisch-psychologische Begründung dieser Praxis konfrontiert 1-0-1 [one 'o one] intersex mit einem grundlegenden Perspektivwechsel. Die Ausstellung versammelt dazu Erfahrungen von Intersex-AktivistInnen, künstlerische Positionen, wissenschaftskritische, rechtliche u.a. Sichtweisen. Diese zeigen, auf welche Weise in der modernen westlichen Gesellschaft geschlechtliche Normvorstellungen entstehen, die unsere alltäglichen Sozialbeziehungen regulieren. 1-0-1 [one 'o one] intersex problematisiert, wie in Abgrenzung gegen Menschen "uneindeutigen Geschlechts" normative Körperkonzepte entwickelt und durch die Unsichtbarmachung körperlicher Vielfalt aufrecht erhalten werden. Damit thematisiert die Ausstellung, warum Intersexualität uns alle angeht.
Gegen vorherrschende Darstellungen natürlicher Zweigeschlechtlichkeit entwerfen die künstlerisch-aktivistischen Ausstellungsbeiträge visuelle Strategien, die sich kritisch mit Bildsprachen auseinandersetzen. Aufgrund der zentralen Rolle medizinischer und biotechnologischer Bilder erhalten sie eine neue politische Brisanz. So geht es dem cyberfeministischen Kollektiv SubRosa & James Pei-Mun Tsang darum, mit ihrer Performance und aufklärerischen Show kritisches Denken über die Auswirkungen der neuen Reproduktionstechniken auf Sexualität und Geschlechterrollen anzuregen. "Performing Biogenders: Sex and Gender Consumption in the Biotech Century" geht genauer auf Intersexualität im Kontext der Biotechnologien ein. Einige der künstlerischen Arbeiten zielen auf die (Rück-)Eroberung zugerichteter Körperlichkeit und Sexualität und eröffnen Perspektiven, wie die Geschlechtergrenzen aufgebrochen werden könnten. Die KünstlerIn Eli seMbessakwini vereint in ihrer Arbeit eine Lesung des Stücks "Born Queer - Dear Doctors" - ein Brief eines Intersex-Survivors an die Ärzte, die sie als Kind kastrierten - und ein Schwarz-Weiss-Video der KünstlerIn über die Rückeroberung der eigenen Sexualität. Andere Arbeiten weisen auf gesellschaftliche Ausschließungen und Verletzungen hin, auf denen die Einteilung in "männlich" und "weiblich" gründet. Terre Thaemlitz' Beitrag "Love Bomb" (2003) ist eine Arbeit, die den Einsatz des Begriffs "Love" / "Liebe" in 16 Audio- und Videostücken dekonstruiert und dessen gewaltvolle Geschichte schreibt. In der Ausstellung werden weitere Beiträge von folgenden KünstlerInnen gezeigt: Ins A Kromminga, Roz Mortimer, Tyyne Claudia Pollmann und Del LaGrace Volcano.
Sechs Wochen lang entsteht in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, Oranienstr. 25 in Kreuzberg ein Forum für künstlerische Beiträge, Intersex- und andere politische Initiativen, kritische Gesichtspunkte aus der Geschlechterforschung, Ethnologie, Geschichte und Recht usw. Begleitet wird die Ausstellung mit Filmen, Workshops, Lesungen, Vorträgen und Performances. 1-0-1 [one 'o one] intersex lädt zur Auseinandersetzung über die Geschlechtergrenzen und zum Weiterdenken quer zum zweigeschlechtlichen Raster ein.
Die Künstler_Innen: Ins A Kromminga, Eli se Mbessakwini, Roz Mortimer, Tyyne Claudia Pollmann, SubRosa, Terre Thaemlitz, Del LaGrace Volcano.
Die Arbeitsgruppe 1-0-1 intersex: Ulrike Klöppel, Ins A Kromminga, Nanna Lüth, Rett Rossi, Karen Scheper de Aguirre.

Neue Gesellschaft Bildende für Kunst Berlin